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Fußball-Gipfel in Herbern
Bundesliga am Sonntag: Rauball traf auf Amateure

Vorbericht:

Wenn am kommenden Montag, 16. Februar, um 19 Uhr zum Fußball-Gipfel angepfiffen wird, dann wird vermutlich hart diskutiert. Denn auf Einladung des Medienhauses Lensing treffen im Vereinsheim des Bezirksligisten SV Herbern an der Werner Straße einer der mächtigsten Männer im deutschen Fußball und zahlreiche Vereinsvertreter aus den Amateurligen der Region aufeinander. Es ist Fußball-Gipfel. Reinhard Rauball, Vorsitzender des Ligaverbandes DFL (Deutsche Fußball-Liga), wird auf Vereinsvertreter aus dem Münsterland und dem Ruhrgebiet treffen und über das Verhältnis von Amateur- und Profi-Fußball diskutieren. Auf Einladung der Ruhr Nachrichten erklärte sich Rauball bereit zu einem Treffen. Gemeinsam mit Carsten Jaksch-Nink, Direktor des Fußball- und Leichtathletikverbands Westfalen (FLVW), wird er sich den dringenden Fragen der Amateurklubs stellen. Als Vorsitzender der DFL gilt der Dortmunder Rauball als einer der mächtigsten Männer im deutschen Fußball. Die Entscheidungen über TV-Vermarktung oder Anstoßzeiten laufen letztlich über den 62-Jährigen, der zugleich Präsident von Borussia Dortmund ist. Ihm gegenüber werden diejenigen sitzen, die im Schatten der Bundesliga-Arenen allwöchentlich auf Asche, Rasen oder Kunstrasen unterwegs sind. Es steht ein spannender Schlagabtausch zu erwarten. Die rund 20 geladenen Vereinsvertreter repräsentieren zahlreiche Fußballer zwischen Ruhr und Ems, von den höchsten bis in die allertiefsten Amateurklassen.

Zum Hintergrund: Im Grundlagenvertrag zwischen der Deutschen-Fußball-Liga (DFL) und dem Deutschen-Fußball-Bund (DFB) aus dem Jahre 2004 ist fest verankert, dass der Amateurfußball am Sonntag geschützt werden muss und dass Bundesligaspiele nicht vor 17.30 Uhr angepfiffen werden sollen. Diesen Vertrag gilt es nun neu auszuhandeln - entsprechender Passus wird wohl bald der Vergangenheit angehören. Denn: Das dritte Sonntagsspiel bzw. die zusätzliche Anstoßzeit 15.30 Uhr scheint  beschlossen, um die Bundesliga gegenüber anderen europäischen Topligen konkurrenzfähig zu halten. Viele Amateurvereine - gerade in den Ballungszentren (man bedenke der Fußball- und Leichtathletikverband Westfalen stellt mit vier Vereinen 22,5 Prozent der Bundesliga und wird entsprechend oft am Sonntag vertreten sein) - sehen in dieser Entscheidung den "Tod des Amateurfußballs" (weiterer Zuschauerschwund, Verlust ehrenamtlicher Mitarbeiter etc.) und drohen bereits jetzt, den ersten Rückrundenspieltag am 1. März zu boykottieren.

Die Auswirkungen der Sonntagsspiele sind auch "auf dem Land" spürbar - auch wenn sie (noch) nicht zu gravierend ausfallen wie etwa im Ruhrgebiet. Es geht nicht nur darum, dass der FC Schalke 04 um 15.30 Uhr oder 17 Uhr seine zahlreichen Fans in der Region am Sonntag in die Veltins-Arena statt auf den Sportplatz ihres Heimatvereins zieht; um 15.30 Uhr würden viele künftig sicher lieber vor dem Fernseher sitzen statt sich zum regionalen Sportplatz aufzumachen. Da wird es auch egal sein, ob einer der vier Westfalenvertreter spielt oder Bayern, Stuttgart oder Bremen.

Der SuS sieht sich in der Pflicht, den Schulterschluss mit diesen Vereinen zu suchen und sich solidarisch zu zeigen. Der Hinweis der DFL (als Reaktion auf den Protest bei den Amateuren), die Amateure müssten sich "flexibler zeigen", kann man wohl so nicht im Raume stehen lassen. Einige Argumente: Wenn man davon ausgeht, dass der Samstag und Sonntagmorgen der Jugend vorbehalten bleiben soll (und dafür plädieren alle), hieße dies, die Amateure müssten auf Wochentage ausweichen. Doch welcher Verein besitzt gerade in den Wintermonaten die Platzkapazitäten (Flutlicht!), um derart auszuweichen. Und: Viele Amateurvereine gerade in den unteren Ligen bekommen unter der Woche aufgrund von Studium und Schichtdienst keine Mannschaft zusammen. Zudem erlauben es in den höheren Spielklassen wie in der Westfalenliga die Entfernungen gar nicht, Spiele in die Woche zu verlegen. Der gewöhnliche Amateur ist nun einmal berufstätig! Außer Acht gelassen bleibt das Argument, dass Spiele an Wochentagen sicher kaum mehr Zuschauer anlocken dürften - nicht zuletzt aufgrund des Überangebots an Fußballübertragungen im TV. Und: Wer möchte schon stets zerstückelte Spieltage. Bisher war die Aufruhr immer groß, wenn Kreisligaspiele wegen irgendeiner "Katzenkirmes" verlegt werden. Künftig wird dies nun gefordert?! 

Es gibt folglich noch reichlich Gesprächsbedarf, obwohl die Entscheidungen insgeheim bereits getroffen sein dürften. 

Der SuS Stadtlohn wurde an diesem Abend durch Geschäftsführer Michael Schley vertreten (Foto: Bock).

Nachfolgend die Langfassung des in der Münsterland Zeitung im Nachlauf am 18. Februar veröffentlichten Interviews:

Welchen Eindruck hat der Fußball-Gipfel bei Ihnen hinterlassen?

Schley: Grundsätzlich stehe ich dem Umstand positiv gegenüber, dass Liga und DFB zum offenen Dialog bereit sind. Leider Gottes findet dieses Umdenken erst wieder statt, nachdem das Kind bereits in den Brunnen gefallen, sprich der neue Grundlagenvertrag bereits ausgearbeitet ist.

Hatten Sie das Gefühl, dass es eine Diskussion auf Augenhöhe war?

Schley: Die Diskussion war von gegenseitigem Respekt geprägt. Reinhard Rauball hat mit offenen Karten gespielt und sich auf die bekannten Sachzwänge berufen, die zum Abschluss des neuen Vertrages geführt haben. Zunächst war für ihn das Veto des Bundeskartellamtes gegen die Gründung eines eigenen Fernsehsenders, um aus der Abhängigkeit zum Monopolisten Premiere herauszukommen, ein Schuss vor den Bug. Als Alternative gab es allein die Möglichkeit, Premiere ein schmackhaftes Paket anzubieten. Ohne das Zugeständnis an Premiere, über den neuen Spieltermin 15.30 Uhr am Sonntag mehr Exklusivität zu erreichen, fehlte über vier Jahre gesehen eine achtstellige Summe per anno. Schon die zweite Liga wäre damit pleite gewesen.

Hat es Sie überrascht, wie sehr Liga und DFB von diesen Fernseheinnahmen abhängig sind?

Schley: Das ist bekannt. Doch: Wenn ich weiß, wie sehr ich am Tropf der Fernsehgelder hänge, wie kann ich dann vor einem Jahr die Ligastrukturreform mit Einführung der dritten Profiliga oder auch der NRW-Liga durchdrücken. Viele Vereine haben aufgrund realitätsferner Auflagen - ein Thema, das auch Herr Rauball ansprach - immens in ihre Infrastruktur investieren müssen und sind langfristige Verpflichtungen eingegangen. All das vor dem Hintergrund der überlebenswichtigen wie unsicheren Fernsehgelder. Ich bin einmal gespannt, wie viele Vereine von der dritten bis zur NRW-Liga bald die Hand heben und diesen betriebswirtschaftlichen Irrsinn nicht mehr mitmachen.

Wie war denn Tenor unter den Vereinsvertretern, wie groß sind die Auswirkungen durch die neue Anstoßzeit?

Schley: Gerade in den Ballungszentren gravierend. Wenn ich höre, dass bei einem Dortmunder Westfalenligisten bei BVB-Spielen am Sonntag 67 oder 73 zahlende Zuschauer kommen, muss mich das nachdenklich stimmen. Eines ist doch gewiss: Mit der Anstoßzeit 15.30 Uhr ziehe ich nicht nur die Leute in die Bundesligastadien, sondern vor den Fernseher statt auf die Bezirkssportanlage - insbesondere bei schlechterem Wetter. Aber: Wir als Premiere-Abonnenten und Dauerkarteninhaber tragen diese Entwicklung selbst mit. Ein Beispiel: Zum Revierderby am kommenden Freitag hätten es beide Mannschaften verdient, wenn die Leute aufgrund der zuletzt gezeigten Auftritte und Undiszipliniertheiten zuhause blieben. Doch seien Sie sicher, dass die Bude wieder voll sein wird. Die gleichen Leute treiben anschließend die sportliche Leitung wieder wie die Kuh durchs Dorf oder rufen „Scheiß Millionäre". Vor 20 Jahren noch hätten sie allein mit ihrem Fernbleiben ihren Unmut zum Ausdruck gebracht. Der Fußball steht in den modernen Arenen doch gar nicht mehr im Vordergrund, sondern das Entertainment. Hier muss bei allen Fußballfreunden ein Umdenken erfolgen, um die aktuellen Entwicklungen im nationalen und internationalen Profifußball mit zu beeinflussen. Durch den neuen Sonntagstermin brechen für viele Amateurvereine enorm wichtige Einnahmen weg. Doch während für die Proficlubs die Zuschauereinnahme nur noch ein marginaler Posten ist, ist sie für viele kleine Vereine genauso überlebenswichtig wie für die Profis die Fernsehgelder. Auf der anderen Seite wird die Kostenschraube kontinuierlich weiter angedreht. Viele übernehmen doch heute schon Aufgaben, für die früher die Kommunen zuständig waren. Die Vereine in den Ballungszentren sind sicher mehr betroffen als die auf dem Land. Wir sollten uns aber in der Pflicht sehen, uns solidarisch zu zeigen - auch in unserem Fußballkreis. Dies drücken wir nicht allein durch unsere Anwesenheit auf den diversen Sitzungen aus.

Vor diesem Hintergrund: Zeigte sich Rauball zu Zugeständnissen an die Amateure bereit?

Schley: Den von Dr. Zwanziger angedeuteten Ausgleichszahlungen für Amateurvereine hat Rauball kategorisch eine Absage erteilt. Dennoch konnte er den Unmut und die Beweggründe für einen angedrohten Boykott gerade in den Ballungszentren verstehen. Schließlich war er selbst jahrelang Jugendleiter bei Eintracht Dortmund. Er persönlich werde sich in einem offenen Brief an die 36 Bundesligavereine wenden, der diese auffordert, mit einem jährlichen Einlagespiel für eine Einnahme zu sorgen, die dem Amateurfußball zugute kommt - wie auch immer diese zugeteilt wird. Im Ansatz zumindest eine gute Idee. Allerdings müsse dies auf Freiwilligkeit beruhen und der angekündigte Boykott müsse in den Fußballkreisen ausbleiben...

...doch dem kam die Entscheidung des FLVW zur Absage des ersten Rückrundenspieltags in Gelsenkirchen und Unna/Hamm diesem Ansinnen zuvor.

Schley: Diese Entscheidung des höchsten Amateurvertreters im FLVW hat Reinhard Rauball sichtlich bewegt. Er war - so denke ich - weitaus überraschter als die anwesenden Vereinsvertreter. Ich bin schon gespannt, wie die Gespräche in den beiden Kreisen Gelsenkirchen und Unna/Hamm mit Dr. Zwanziger am Ende des Monats verlaufen werden. Es scheint aber selbst eine Diskrepanz zwischen DFB und DFL zu bestehen.

Wie sieht denn Ihre Wunschvorstellung aus?

Schley: Fußball ist kein Wunschkonzert - wie das gesamte Leben. Ich möchte einfach, dass dem Amateurfußball wieder der Rahmen zugestanden wird, den er verdient hat. Wir Amateure verschließen uns sicher nicht aktuellen Entwicklungen. Aber manche Dinge sollten unantastbar bleiben. Auch wenn es ein wenig romantisch klingt: Der Samstag und Sonntagmorgen gehört dem Nachwuchs, der Sonntagnachmittag den Senioren. Ein gewisses Maß an Flexibilität bei den Amateuren ist in Ordnung, wenn sie praktikabel ist. Auch Rauball hatte kein Patenrezept parat. Oft musste ich gestern an die Worte unseres Staffelleiters Helmut Ahler denken, nicht wegen jeder Katzenkirmes Spiele zu verlegen. Künftig wird er wohl dazu gezwungen sein, weil die Vereine dazu aufgefordert werden. Salami-Spieltage wird es künftig wohl auch in den Amateurligen geben...und wer möchte dies schon?!


Mehr Informationen im Internet:

http://www.ruhrnachrichten.de/nachrichten/specials/fussballgipfel/index.html


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